Gender-Commerce-Expertin Astrid Wunsch beim 20. E-Commerce Forum

In Hinblick auf das 20. E-Commerce Forum am 07. Mai 2015, möchten wir heute unsere Gastreferentin Astrid Wunsch vorstellen. Sie ist Head of Human Experience Design bei Triplesense Reply in Frankfurt.

Flagbit: Guten Tag Frau Wunsch 🙂 Stellen Sie sich bitte kurz vor: Wie sind Sie in die digitale Branche gekommen?

Astrid Wunsch: Nachdem ich in den 1990ern über 4 Jahre in der klassischen Werbung gearbeitet hatte, wurde mir bewusst, dass Werbung immer eine sehr einseitige Kommunikation sein würde. Mir hat zu dem Zeitpunkt bereits die direkte Auseinandersetzung mit der Zielgruppe gefehlt. Deshalb bin ich im Jahr 2000 nach London gezogen und habe dort meine neue Heimat in den digitalen Medien gefunden – erst bei Syzygy, dann mit einer eigenen Agentur. Im Digitalbereich waren Interaktion und „gegenseitiges Kennenlernen“ endlich möglich. Durch die Daten, die man im Netz erheben kann, ist es machbar, sich ein ziemlich gutes Bild über die Bedürfnisse und Wünsche der Besucher von Webseiten zu machen und darauf konkret einzugehen.

Flagbit: Wann hatten Sie die ersten Berührungspunkte mit dem Thema „Gender Commerce“. Welche Gründe gibt es, dass Sie sich unter anderem auf dieses Thema spezialisiert haben?

Astrid Wunsch: Vor knapp drei Jahren habe ich mit meiner Kollegin Silke Berz, Creative Director UX bei Triplesense Reply, am Relaunch der Vorwerk-Webseite gearbeitet. Nach intensiver Analyse der damaligen Webseite ist uns aufgefallen, dass die Staubsaugergeräte auf der Webseite in ihrer Art der Vermarktung, Bild- und Informationsaufbereitung hauptsächlich an Männer gerichtet war, obwohl die Kunden von Vorwerk zu über 75% Frauen sind. Auf dem Portal ging es hauptsächlich um Nenndrehzahlen, Watt und andere kryptische technische Daten. So wurde gar nicht klar, was der Unterschied und der Vorteil der vielen Vorwerk-Staubsauger ist – das, was uns brennend interessiert hätte. Daraufhin haben wir recherchiert und angefangen, uns mit Gender Marketing zu beschäftigen. Aus diesen Erfahrungen haben wir Erkenntnisse für Webseiten und E-Shops abgeleitet, die es bis dato noch nicht gab.

Flagbit: Was sind Ihrer Meinung nach, die wichtigsten Faktoren in Hinblick auf die geschlechtsspezifische Ansprache eines Onlineshops und welche gilt es zuerst zu beachten?

Astrid Wunsch: Der Kaufentscheidungsprozess von Männern und Frauen unterscheidet sich maßgeblich und beeinflusst stark, wie E-Shops aufgebaut und gestaltet sein sollten. Männer kaufen bei Bedarf, wissen meist vorher schon sehr genau was sie wollen und suchen nach einer „guten“ Lösung. Deshalb sind „Suche“ und „Filterfunktionen“ für Männer geeignete „Tools“, die sie dabei unterstützen.

Bei Frauen läuft die Entscheidungsfindung vielschichtiger ab, da sie eine „perfekte Lösung“ suchen. Es kann vorkommen, dass sie im Laufe des Prozesses ihre Auswahlkriterien verändern oder ergänzen. Sie gehen öfters vor und zurück und durchlaufen Phasen mehrmals. Sie suchen also nicht, sondern finden eher. Sie zu inspirieren und ihnen Ideen für Produkte zu liefern, ist im E-Shop das Wichtigste. Das zieht sich dann durch die Bildgestaltung, den Stil der Texte und die Aufbereitung aller anderen Informationen.

Flagbit: Was werden in Zukunft die größten Herausforderungen für Online-Shop-Betreiber sein im Bereich Gender Commerce?

Astrid Wunsch: Die größte Herausforderung wird sicherlich sein, in E-Shops die vom jetzigen „Standard“ abweichenden Bedürfnisse von Frauen abzubilden. Die meisten Unternehmen haben ein ziemlich konkretes Bild davon im Kopf, wie ein Shop auszusehen hat, und lassen sich nur ungern auf Neues und auf Experimente ein. Es gehört Mut dazu, anders zu sein und andere Wege als der Rest zu gehen. Frühzeitige Tests wären wichtig, um zu sehen, was die Frauen anspricht – und was nicht. Oft werden Shops einfach live gestellt, ohne dass man sie der Zielgruppe vorgeführt oder ihre Bedürfnisse in Erfahrung gebracht hat. Mehr Frauen in den Teams, in der Konzeption von Shops würden sehr helfen. Da sieht es zurzeit schlecht aus: In der IT Branche arbeiten über 86% Männer und nur 14% Frauen. Tendenz weiter fallend.

Außerdem denke ich, dass die Verbindung von Online- und Offline-Shops ein weiterer Meilenstein im Gender Commerce sein wird. Bestimmte Qualitätsmerkmale, die für Frauen wichtig sind, wie Textur, Geruch oder beispielsweise die Frage, ob ein Kleidungsstück zum Rest der Garderobe passt, lassen sich am besten offline bzw. im Laden beantworten. Online und offline noch mehr miteinander zu verweben und zu einem ganzheitlichen Shopping-Erlebnis zu machen, ist essenziell – und zwar für den Handel insgesamt.

Flagbit: Unternehmen im E-Commerce haben oftmals nicht nur ein Geschlecht, das sie ansprechen möchten. Wie kann man Ihrer Meinung nach eine perfekte Balance für beide Zielgruppen erreichen?

Astrid Wunsch: Eine Balance lässt sich erreichen, indem man die Produktinformation gemischt aufbereitet, so dass sie für Männer und Frauen gleich ansprechend werden. Das bedeutet weiterhin Statistiken, Daten, Fakten, Suche und Filter für Männer anzubieten und mehr Stöber- und Inspirations-Elemente, Geschichten ums Produkt, Testimonials und Beratungsangebote für Frauen. Die richtige Mischung aus allem ergibt eine stimulierende Inszenierung des Produkts, die Lust auf’s Kaufen macht.

Flagbit: Viele Shop-Betreiber, welche beide Geschlechter bedienen, halten vor allem die Ansprache von Frauen für eher unwichtig. Wie stehen Sie zu dieser Aussage?

Astrid Wunsch: Was soll ich dazu sagen? Mich würden vor allem die Beweggründe interessieren. Wenn Shop-Betreiber denken, dass Frauen eine unwichtige Zielgruppe sind, sollten sie sich damit beschäftigen, wer in den meisten Haushalten die Kaufentscheidung trifft: zu zwei Dritteln sind es Frauen*. Frauen verfügen mittlerweile über ein nicht zu verachtendes eigenes Einkommen, das sie ohne Abstimmungen mit ihrem Partner großzügig einsetzen. Ich kann Shop-Betreiber, die auf diese Budgets verzichten können, nur beglückwünschen. 😉 Die Kaufrauschstudie von 2014 zeigt sehr deutlich, dass die Zielgruppe Frauen eine sehr solvente Zielgruppe für fast jeden Bereich ist. Von Mode bis Auto.

Flagbit: Welche weiteren Entwicklungen von geschlechtsspezifischer Kundenansprache im Online Handel halten Sie für wahrscheinlich?

Astrid Wunsch: Es gibt bereits erste Tendenzen, dass zumindest die Produktpräsentationen fantasievoller gestaltet werden. Es gibt nicht mehr nur freigestellte Produkte auf weißem Hintergrund, sondern es wird mehr mit katalogähnlichen arrangierten Stillleben, Film und Musik gearbeitet. Das sieht man momentan hauptsächlich in Shops, die eher Frauenprodukte verkaufen. Wünschenswert wäre es, wenn sich das zum neuen Standard entwickeln würde.

Das Internet wir so langsam erwachsen, die technischen Probleme sind weitestgehend gelöst. Es geht in Zukunft nicht mehr so stark darum, was technisch eigentlich möglich ist, sondern vielmehr darum, was der Besucher der Webseite gerne sehen würde. Das ist gerade für uns bei Triplesense Reply ein wichtiges Thema: Wir nennen das „Humanizing Digital“ und wollen, dass Menschen mit digitaler Technik so natürlich umgehen wie mit ihrer Umwelt. Digitale Lösungen sollen so einfach sein wie Blumen gießen.

Flagbit: Vielen Dank für das interessante Interview. Wir freuen uns auf das kommende Forum mit Ihnen 🙂

*The Nielsen Company – U.S. women control the purse strings

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Vanessa Steinmetz
Vanessa Steinmetz ist Marketing Managerin bei Flagbit. Sie ist zuständig für alle anfallenden redaktionellen Aufgaben im Bereich Online Marketing, Öffentlichkeitsarbeit, Eventorganisation und Social Media.

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